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Buchnotizen

Die Eine



Das Tor der Geschichten steht weit offen. Sie quellen hinaus, frei und leicht schweben sie von den Flügeln der Elfen getragen, tanzend wie Irrlichter in pechschwarzer Nacht ohne Ziel, unstet treiben sie durch Raum und Zeit: 

Die flirrende Mittagshitze liegt über dem Land. Kein Windhauch ist zu spüren. Ein unglaublich heißer Atem bringt die Vögel zum Schweigen. Nichts bewegt sich im warmen Schatten.
      Nur einer reitet ohne Hast, stolz, mit erhobenem Haupt durch die Felder. Er sucht sie, die Eine, die ihn verließ letzte Nacht. Tief und fest schlief er, war ihrer so sicher. Doch sie stand auf vom gemeinsamen Lager und ging hinaus ohne ein Wort. 
     In der Morgendämmerung ließ sein Schrei die Welt erzittern. Wie konnte sie es wagen, die Eine, die er erwählte. Wie konnte sie es wagen ihn zu verlassen! Doch sie entkommt ihm nicht. O, nein! Die Ketten, in die er sie schlagen wird, klirren in seinen Satteltaschen.

     Über Wiesen und Felder, durch Wälder und Auen führte sie ihr Weg. Kein Grashalm bog sich unter ihren Füßen, keine Ähre wurde von ihr gebeugt. Der Wind verwehte ihren Duft. Der Wald schloss seine Äste hinter ihrem Rücken. Er fand keine Spur.
     Ihm blieb nur ziellos die Felder und Wiesen zu durchstreifen. Keine Sekunde war er unaufmerksam. Er spähte nach ihr ohne Unterlass. War es Schicksal oder Zufall? Er gab dem Pferd die Sporen. 
  
        Atemlos hetzt sie durch den Wald. Der Boden unter ihren Füßen rast dahin. Sie springt über Äste, schlüpft durch Büsche, schlägt Hacken wie ein Hase und lauscht. Brechende Äste, ihr keuchender Atem – da, Pferdehufe links von ihr. Sie duckt sich und spritzt unter einem Gebüsch hindurch, prallt zurück, der Weg, keinesfalls auf den Weg. Das Pferdetrappeln nähert sich. Sie hält den Atem an, presst ihren Rücken gegen den rauen Stamm einer Eiche. Mit geschlossenen Augen fleht sie zu allen Göttern, der Mann auf dem Pferd möge sie nicht entdecken. Ihre Hände liegen auf der zerklüfteten Rinde. Plötzlich spürt sie, wie der Baum nachgibt. Sie fühlt sich samtig weich umhüllt. Ihr Körper scheint eins zu werden mit dem Baum. Sie hört ihren Verfolger – ganz nah. Mit aller Macht zwingt sie ihr Herz sich nicht zu überschlagen, versucht ihre Beine und Hände nicht zittern zu lassen. Jetzt nur nichts Falsches tun. Das Schnauben des Pferdes ist direkt neben ihr. Sie spürt die Wärme, die das Pferd verströmt. Vorsichtig öffnet sie ihr Auge einen Spalt. Der Hengst steht neben ihr. Sie kennt die muskulöse Gestalt des Mannes unter dem Umhang, nimmt seinen Zorn wahr, seine Jagdgier. Der Schweif des Pferdes schlägt gegen ihren Körper.
      Plötzlich, Schritt für Schritt, entfernen sich langsam Pferd und Reiter. Nach endlosen Minuten gleitet sie zitternd den Stamm hinab auf den Boden. Tränen rinnen über ihre Wangen. Die Stirn auf den Knien, umschlingt sie ihre Beine.
      Die Anspannung verebbt. Sie verlässt den Baum und wandert weiter, immer weiter. Irgendwann führt sie ihr Weg an einen Fluss. Große Erlen an seinem Ufer spenden Schatten. Das Wasser stillt ihren Durst und kühlt ihre müden Füße. Es spiegelt sich in den Blättern der Bäume, die ihre Äste über das Flussbett hängen lassen. Der Himmel und die Wolken erscheinen in den leichten Wellen. Sie lässt sich im Gras nieder. Blaue Libellen mit dunklen, zarten Flügeln spielen im Schilf.
       Doch als sie genauer hinsieht, sind da keine Libellen, sondern kleine Elfen, die neugierig näher kommen. Eine setzt sich vor ihr auf einen Ast und flüstert: „Fürchte dich nicht mehr. Du bist beschützt. Ruhe hier bis zum Abend.“ Augenblicklich fällt sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. 

Als sie erwacht, ist alles um sie wie verwandelt. Sie ist noch am Fluss, aber eine tiefe Ruhe und Geborgenheit erfüllt ihre Seele. Die Elfen stoßen sich an und kichern, als sie sich aufsetzt und die verschlafenen Augen reibt. Zwei fliegen auf und kämmen ihr das wilde Haar glatt und glänzend. Die anderen bringen ihr ein Kleid mit zart schillernden Farben und helfen beim Ankleiden.
        Schwatzend und lachend bringen sie alle zu einem Baum, unter dem die köstlichsten Speisen zu einem Festmahl aufgestellt sind. Aus der Schar der Elfen löst sich eine und spricht: „Sei uns willkommen für alle Zeit. Wir warten schon lang auf dich. Dein Mut wies dir den Weg.“ Da spürt die Eine, dass sie angekommen ist. Der Platz inmitten dieser Elfen ist für sie bestimmt.

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